Applaus als analoges Like: Die 11. Jugendhilfe-Fachtagung setzt Impulse für Fachkräfte
„Eine Welt, in der es nie eine Pause gibt“: So beschrieb Sonia Stamerra in ihren einleitenden Worten die Welt der Jugendlichen. Wie können Fachkräfte junge Menschen in dieser digitalen Welt begleiten, die Chancen und Risiken gleichermaßen bereithält?
Mit dieser Frage beschäftigte sich die 11. Jugendhilfe-Fachtagung des SRH Berufsbildungswerks Neckargemünd unter dem Titel „Digitale Realität. Junge Menschen zwischen Cybermobbing und Selbstinszenierung“.
Bildung für die digitale Lebenswelt
Rund um aktuelle Entwicklungen in Social Media, Gaming und Mental Health bot die Veranstaltung mit hochkarätigen Fachvorträgen und praxisnahen Workshops Impulse und Antworten für die alltägliche Arbeit von mehr als 120 Teilnehmenden aus der Fachwelt.
Jugendliche waren noch nie so einsam wie heute
Nach der Begrüßung durch den Geschäftsführer Sascha Lohwaßer und den Neckargemünder Bürgermeister Jan Peter Seidel machte die forensische Psychologin und Dozentin aus der Schweiz, Catherine Graber, mit ihrer Keynote den Auftakt. Sie zeigte eindrucksvoll, wie sich digitale Gewaltformen wie Cybermobbing, Cybergrooming, Doxxing oder die Incel-Ideologie entwickeln und welche Warnsignale auf eine mögliche Eskalation hindeuten.
Sie verwies in diesem Zusammenhang auf eine aktuelle Schweizer Studie: „Jugendliche waren noch nie so einsam wie heute“. Anhand realer Fallbeispiele verdeutlichte Catherine Graber, wie wichtig ein frühes Erkennen von Risikoverläufen und konsequente Interventionen sind.
Aktuelle Studien zur Smartphone- und Social-Media-Nutzung
Einen wissenschaftlichen Blick auf die Auswirkungen digitaler Medien warf Dr. Isabel Brandhorst. Sie präsentierte aktuelle Studien zur Smartphone- und Social-Media-Nutzung sowie deren Zusammenhang mit psychischer Gesundheit. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass digitale Medien nicht nur Risiken bergen, sondern auch Chancen für Teilhabe, Kreativität und soziale Verbundenheit eröffnen. Entscheidend seien Medienbildung von Anfang an und die Stärkung von Eltern und Fachkräften. Zugleich plädierte sie aber auch für eine Altersbegrenzung: Studien zeigen, dass die psychische Gesundheit von Jugendlichen umso schlechter ist, je früher sie ein Smartphone nutzen.
Am Nachmittag vertieften Workshops zentrale Themen der Tagung: Von Strategien gegen digitale Gewalt über demokratiepädagogische Ansätze zur Prävention von Cybermobbing bis hin zu Mental Health First Aid und innovativen digitalen Unterstützungsangeboten. Besonders deutlich wurde dabei, dass Prävention, Medienkompetenz und psychische Gesundheit künftig noch stärker zusammengedacht werden müssen.
Resilienz to go
Hier wurden auch konkrete Ansätze vorgestellt: „Viele Präventionsvorschläge heute haben mich an das erinnert, was wir anbieten.“ Die Psychologinnen Clara Esser und Petra Kober stellten das Bildungs- und Interventionsprogramm Mental Health First Aid (MHFA) vor, das Erste Hilfe bei psychischen Problemen und eine schnellere Hilfe ermöglicht. Die Psychologin Corinna Thoni präsentierte mit dem digitalen Mental Health Coach fiveways Resilienz to go.
Die meisten Ansätze waren analog: Zuhören und für Jugendliche da sein, ins Gespräch kommen, eigene Grenzen anerkennen und sich austauschen. Das machte auch die Podiumsdiskussion deutlich, die den Abschluss des zweiten Tages bildete. Denn: „Jugendliche wollen keine Erwachsenen, die sich mit jeder App auskennen. Was sie wollen, sind Erwachsene, die Interesse zeigen, die sie in ihre Welt begleiten“, so die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer.
Wie Stuttgart 21: Der Umbau dauert
Pädagogen und Eltern dürfen Interesse nicht mit Kontrolle verwechseln und keine Angst haben, dauerhafte Begleitung und Orientierung zu geben in einer schwierigen Phase. Denn, wie die Kriminalhauptkommissarin und Referentin für Kriminalprävention Tanja Kramper es formulierte: „Die Großbaustelle im Hirn von Heranwachsenden ist mit Stuttgart 21 zu vergleichen: Der Umbau dauert.“
Schulleiter Ulrich Falter verwies auf positive Erfahrungen mit Mediennutzungsverträgen und das Beispiel einer Mannheimer Schule, die komplett auf das Smartphone verzichtet. Elena Gehrlein-Schwartz forderte, nicht nur die negativen Seiten zu sehen: Die digitalen Welten bieten auch viele Chancen für Pädagogen und tolle Erziehungsmittel.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und praxisnahe Impulse
Die Fachtagung unterstrich den Anspruch des SRH Berufsbildungswerkes Neckargemünd, Bildungsthemen frühzeitig aufzugreifen und innovative Antworten für Fachkräfte zu entwickeln. Neue gesellschaftliche Entwicklungen werden mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und praxiserprobten Konzepten verknüpft und in konkrete Bildungsangebote übersetzt. So entstehen Impulse, die weit über die Tagung hinauswirken.
Die Fachtagung zur Digitalen Realität endete analog: mit viel Applaus der Teilnehmer und einem Dank des Prokuristen Joachim Trabold an alle Beteiligten und Organisatoren.
Hier noch einige Eindrücke von der Fachtagung:
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